Ein transportables Reisezelt




entdeckt von Hartmut Wettmann, Berlin

Ein transportables Reisezelt
Von Gust. Haertwig

Nebst einer Lichtdruck-Beilage - gedruckt von Carl Heinrich Jacobi, Neuendorf bei Coblenz
(Aus 'Photographisches Archiv Band XVI 1875 Nr. 305 I. Heft, 1. Januar 1875)

Vor etwa vier Jahren wurde in diesem Archiv auf ein Hülfsmittel hingewiesen, womit Landschafter im Stande wären, den Ballast von Apparaten etc. direkt in der Tasche und am Leibe mit sich führen zu können, ohne auch nur im Geringsten sich anstrengen zu dürfen.
Es war dies ein zweirädriges Velociped, wie sie zur Zeit mit vielem Vergnügen vom Publikum benutzt wurden, nur mit dem Unterschied, dass bei dem unseren das Lenken durch das Hinterrad bewirkt wurde; warum sollte ein solches Werkzeug nicht auch dem Photographen vom Fach und ganz besonders den Landschaftern dienen können? In der Tat war dies ein genialer Gedanke! Ich hatte den damaligen kleinen Artikel mit ganz besonderem Interesse gelesen, zumal, da ich bereits ein ähnliches Instrument für photographische Zwecke besass, schon als man die ersten Erzeugnisse dieser Art sich we ein Flugfeuer über die Erde verbreiten sah; denn ich hatte bereits schon in meinen Kindheitsjahren im elterlichen Hause Gelegenheit, mit Hand anzulegen bei dergleichen Bauten, die meinen Vater in seinen Mussestunden fast ununterbrochen beschäftigten.
Ich glaube Manchem der Herren Leser des Archivs einen Dienst zu thun, wenn ich in Folgendem mein leicht transportables Reisezelt, welches sich übrigens in den fünf Jahren seit ich es besitze, als solches bewährt hat, so gut es an dieser Stelle thunlich ist, beschreibe.
Wie der geneigte Leser aus beifolgender Aufnahme ersieht, ist das Ganze ein vierrädriger Bau, welcher beiläufig einschliesslich der Räder / ½ Fuss lang und im Mittel der Räder 4 Fuss breit ist. Die Vorder- und zugleich Triebräder von 4 Fuss 3 Zoll Durchmesser, verbunden durch eine gebogende 5/4 Zoll starke eiserne Axe, werden mittelst der Füsse in gleichmäßigem Tempo in Bewegung gesetzt und erhalten. Bei ziemlicher Schnelligkeit braucht man in jeder Secunde nur einen Schritt zu thun, welche sich jedoch auch steigern lässt, natürlich aber auch auf Kosten der nicht geringen Transpiration und Erschöpfung des Körpers. Ich fahre beim Secunden-Tempo ohne die geringste Anstrengung auf Pflasterwegen sowohl wie auf besseren, wie z.B. Chauseen und Promenadenwegen. Hat man erst einige Uebung darin, so bedarf es sogar (namentlich auf guten Wegen) nur der Unterhaltung im Laufe mittelst der Fussbewegung. Die Axe der fast nur halbhohen Hinterräder wird mittelst der Riemen, welche sich den beiden eisernen Bögen über Rollen anschliessen, vom Sitz aus gleich eines Lenkriemens beim Pferdegespann von der Person bewegt. Man könnte auch mit vielleicht noch grösserer Sicherheit die Lenkvorrichtung in der Weise benutzen, wie dieselbe an dem kleinen zweiräderigen Velociped in unserem Archiv beschrieben war, allein ich glaube mich bei meiner Lenkvorrichtung freier bewegen zu können, anderntheils macht es auch einen besseren Eindruck auf den Beschauer; ja ich habe damit eine solche Virtuosität erlangt, so dass ich die Zügel (wollen wir es nennen) nun schlaff halte und je nach Bedürfniss mit denselben einen sanften Wink auf die hinter Axe ausübe und - der Wagen wendet sich ganz nach meinem Belieben, mit derselben Leichtigkeit gebe ich dem Wagen seine Wendung, wenn ich beide Zügel mit nur einer Hand halte und die Armbewegung nach rechts oder links hin ausführe, je nachdem der Wagen seine Wendung nehmen soll.
Auf dem Hauptrahmen, welcher mittels Gussstahllagern auf der Vorderaxe, am hintern Ende aber auf dem Lenkschemel ruht, (welch letzterer auf der hinteren Axe befestigt ist) und somit die Vorder- mit den Hinterrädern zu einem Ganzen verbindet, liegen die Wagenfeder und auf diesen in Form einer Art Lyra der Träger für die Dunkelkammer, das Zelt und den Sitz; ausserdem lässt sich sehr gequem noch ein Koffer mit sonstigem Reisegepäck und noch eine Person placiren. Ein grosser Vortheil bei dem ganzen Ding ist der, dass sich dasselbe von zwei Personen in circa 5 Minuten vollständig zerlegen lässt und dabei die grosse Annehmlichkeit bietet, dass es sehr wenig Raum einnimmt.

Foto

Das Zelt oder die Dunkelkammer ist im Grunde nicht etwas so Neues, nur möchte sie sich von allen mir bekannten durch sehr einfaches und schnelles Aufstellen (in circa 1 Minute) unterscheiden, ist ferner bei der Arbeit geräumig und übrig gross genug, um die Apparate für Platten von 7X9 Zoll oder 8X10 Zoll und Stereoskop, sowie Plattenkasgten, Silberbadcuvette, Spülwannen und Chimicalien etc. in sich aufzunehmen.
Die Dunkelkammer, ein Holzkoffer mit Ledertuch überzogen, 3 Fuss breit, 18 Zoll tief und 18 Zoll hoch, im Lichten, ist bei mir einfach zugeschnallt. Stellen wir uns derselben am hinteren Ende des Wagens gegenüber. Die nunmehrige Vorderwand bildet mit der Decke ein Ganzes, im rechten Winkel mit einem übergreifenden Rande. An der Vorder- und Hinterwand befinden sich Fenster von gelbem Wachstaffet, von der Innenseite mit je einem Schieber versehen, der es gestattet, das Licht, je nach Bedürfniss bei der Arbeit abzuschwächen, Ersteres zur Linken und Letzteres zur Rechten Hand.
Klappen wir nun die vordere Wand auf so dass sie zu oberst kommt und die Decke bildet, so bleiben die hintere Wand, der Boden und die Seitenwände als Ganzes stehen und wir dürfen nur noch die nunmehrige doppelte Höhe des Koffers zwei halbe Seitenwände die in Nuthen laufen, einschalten, das Kautschuktuch anknöpfen und der Arbeitsraum für den Oberkörper des Operateurs ist fertig. Damit neben dem Operateur kein Licht in die Kammer dringe, habe ich an der äusseren Kante derselben der Länge nach einen dicken undurchsichtigen Stoff befestigt, der, nachdem ich mir das Kautschuktuch mittel zweier an demselben angebrachten Bänder um den Leib gebunden, von Innen zu beiden Seiten hingelegt wird. Das Vorderwandfenster ist nunmehr oben in der Decke zur linken Hand über dem Silberbad und gestattet somit das Ueberwachen der Platte - das Hinterwandfenster bleibt an Ort und Stelle zur Rechten und giebt das Licht an der Spülwanne fürs Hervorrufen etc. Des Wassers zum Spülen war ich bisher nicht benöthigt, da ich mit dem besten Erfolg dieses Verfahren anwende. Statt des Wassers eine Mischung mit der gleichen Menge Alkohol versetzt, wie sie sich im Hervorrufer befindet. Verstärkung, (wenn überhaupt solche nöthig) und Fixage nehme ich erst zu Hause vor, nachdem die Platten unter einem Wasserhahn, wo möglich mit Brause, von dem Syrop-Ueberzug wieder befreit sind, was übrigens sehr leicht von statten geht. Derartige Platten verstärken sich auch leichter als Sonstige. Ich habe mir einen Plattenkasten von Zink hergerichtet, der, so klein er ist, zwei Dutzend Platten aufnimmt, derselbe ist durch eine Zwischenwand zur Hälfte getheilt, so dass in die eine Hälfte die reinen Platten eingeschoben werden und in die andere Hälfte die noch feuchten nur hervorgerufenen, mit Syroplösung übergossenen Platten zu stehen kommen; in demselben halten sich die Platten sogar ein paar Tage ehe sie zur Fixage gelangen können. Der Kasten lässt sich behufs der Reinigung zerlegen. Hierdurch ist man in den Stand gesetzt, auf einer Tour die nöthigen Aufnahmen schnell und ohne viel Zeitaufwand bewerkstelligen zu können, ferner bedarf man nur des Silberbades - (ich habe es mit Vortheil in einer stehenden Ebonitcuvette von E. Liesegang), des Collodions, des Hervorrufers und der Syroplösung nebst zwei Bechergläschenzum Uebergiessen.
Das hinter dem Wagen auf dem Boden stehende Zelt ist ein kleines vierseitiges Kautschukzelt, welches durch vier runde Holzstäbchen getragen wird, die oben an der Spitze durch einen Drahtreif gerade so wie bei einem Regenscnhirm verbunden und an den vier Ecken von oben nach unten längs des Stoffes mit demselben befestigt sind.
Das Ganze klappt sich wie ein Regenschirm auf und zu. Auf der einen Seite ist ein Fenster von Wachstaffet, die gegenüberliegende Seite bildet die Thür. Die Arbeiten in dem Zelte führe ich knieend aus. Ich bediene mich desselben nur dort, wo ich mit dem Wagenzelte nicht hinkommen kann, z. B. im Gebirge.
Mit dem Wunsche, in Vorstehendem etwas zu allgemeinem Nutzen beigetragen zu haben, bin ich den geehrten Lesern zu noch näherer Auskunft gerne erbötig. Magdeburg, im October 1874 Quelle:


Photographisches Archiv (Liesegang) 1875



Stand: 20.03.2002